Wie Doppelmoral Integrität zerstört

Heimlich Wein trinken …

Heinrich Heine (1797-1856) hatte eine feine Nase für gesellschaftliche Widersprüche: In seinem berühmten Werk „Deutschland. Ein Wintermärchen“ beschreibt der kritische Geist, wie ein „kleines Harfenmädchen“ singt - „mit wahrem Gefühle und falscher Stimme“. Ihr Thema: das „irdische Jammertal“ und das „Jenseits, wo die Seele schwelgt, verklärt in ewigen Wonnen“. Wie kommt da das Thema „Integrität“ ins Spiel?

Ganz einfach: Heine nennt den Gesang das „alte Entsagungslied, das Eiapopeia vom Himmel“. Und richtig zornig wird der Dichter, als er an die „Herren Verfasser“ denkt: „Ich weiß, sie tranken heimlich Wein / Und predigten öffentlich Wasser.“

Wer sich mit dem Weinglas erwischen lässt, dessen Integrität bekommt schnell Risse. So geschehen bei Uli Hoeneß, dem bekannten Fußball-Manager aus Bayern. Er sagte 2002 der „Bild“-Zeitung: "Ich weiß, dass das doof ist. Aber ich zahle volle Steuern.“ Und 2014 wurde er zu 3 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Steuern in Höhe von 28,5 Millionen Euro hinterzogen hatte. Besonders dreist erscheinen dabei seine Sätze, die er vorher im Magazin „Brand Eins“ formulierte: "Natürlich will ich Erfolg, aber nicht um jeden Preis. Wenn es um Geld geht, muss man auch mal zufrieden sein.“ Fazit in der Illustrierten „Stern“: „Hoeneß hebt gerne den moralischen Zeigefinger. Sein Image des Gutmenschen hat durch die Steuerermittlungen tiefe Risse bekommen.“

Doppelmoral und Integrität - das passt auf keinen Fall zusammen, wenn Prominente das „Eiapopeia“ der Steuermoral singen - und selbst betrügen, ohne dass die Schamesröte ins Gesicht steigt. Was zeichnet aber eine Integrität aus, die glaubwürdig und authentisch ist - und in der Öffentlichkeit so wahrgenommen wird? Mit Sicherheit eine Kongruenz von Wort und Tat, sowie im Idealfall eine Übereinstimmung von inneren Gedanken und Handlungen, die in der äußeren Welt vollzogen werden.

Diese Überlegungen lenken den Blick auf die Frage, ob Authentizität schon eine hinreichende Bedingung für Integrität sein kann. Nein! Was sich am Rechtssystem Saudi-Arabiens zeigen lässt: Aus dem altarabischen Stammesrecht wurde die Blutrache (Qisas) übernommen. Das Prinzip: Wer einen anderen Menschen verletzt, kann durch dieselbe Art von Verletzung bestraft werden - bei Mord durch die Todesstrafe. Einen Ausweg gibt es: Opfer oder Angehörige akzeptieren ein angemessenes „Blutgeld“ oder begnadigen den Täter.

Ein integrer Richter in Saudi-Arabien richtet sich nach diesen Regeln. Er ist in dieser Gedankenwelt zuhause, zumal das Wort „Scharia“ bedeutet: „Weg zur Tränke, Weg zur Wasserquelle, deutlicher, gebahnter Weg“. Und von diesem Weg wird er nicht abweichen, wenn er die eigene Kongruenz von Wort und Tat wahren will. Wenn er sich mit dem Gedanken der Blutrache identifiziert, handelt er integer und authentisch, sobald er Mörder zum Tode verurteilt.

Schlussfolgerung: Bei der Authentizität kann es sich nur um eine notwendige, aber niemals um eine hinreichende Bedingung handeln. Entscheidend ist immer das Fundament an Werten, auf dem Gedanken, Worte und Handlungen aufbauen. Diese Überlegung führt in ein Dilemma: Werte sind ein normativer Kanon, der subjektiv vom Individuum akzeptiert wird - als Grundlage für sein Handeln. Wer aber gibt dem westlich orientierten Menschen das Recht, das Wertesystem der „Scharia“ in Frage zu stellen? Könnten sich nicht genauso arabische Richter darüber wundern, welche „liberalistischen“ Abirrungen in Europa existieren, wo es keine Todesstrafe gibt?

Das Gegenargument lautet: „Universalität der Menschenrechte“! Sie hätten überall für jeden Menschen zu gelten, seit 1948 die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ verabschiedet wurde. Als Begründung führen solche Denkfiguren absolute Instanzen an, etwa Gott oder eine höhere Vernunft (Kant), genauso wie die Würde des Menschen, die unverletzlich ist (deutsches Grundgesetz). Dazu schreibt der Verein „humanrights.ch“: „Die Erfahrung zeigt, dass differenzierte Normen, welche den Anspruch haben, für alle Menschen gültig zu sein, niemals von allen Menschen akzeptiert werden.“ Dafür seien „der menschliche Eigensinn und die Selbstgerechtigkeit, die Macht von Tradition und Religion“ zu stark. Das gelte auch für das „Interesse an der Aufrechterhaltung von bestehenden Machtbeziehungen“.

Was heißt das für das Thema „Integrität“? Sie braucht als hinreichende Bedingung ein tragfähiges Wertekonzept, das ein authentisches Handeln ethisch legitimiert. Wie diese Ethik auszusehen hat, ist eine subjektive Frage, die an den kulturellen Kontext des Menschen gebunden ist. So groß auch der Wunsch nach der „Universalität der Menschenrechte“ sein mag, so schwer lässt er sich in Ländern wie Saudi Arabien durchsetzen.

Es lohnt sich aber, den Besen vor der eigenen Türe zu schwingen: Uli Hoeneß kam im Februar 2016 vorzeitig aus dem Gefängnis; er wurde Ende November erneut zum Präsidenten von „Bayern München“ gewählt - mit 98 Prozent der Stimmen. 

Ingo Leipner studierte Volkswirtschaftslehre an der Ruprecht-Karls-Universität
Heidelberg und bedient mit seiner Agentur EcoWords namhafte Medien und
Unternehmen mit journalistischen Beiträgen. Als Autor unterstreicht er seinen
persönlichen Bezug zu Bildung und der digitalen Veränderungen unserer Gesellschaft.