Hinter Fragen der Führung stehen Fragen der Philosophie | SEI - Swiss Engineering Institute
July 18, 2018
Von Martin Brasser

Leadership

Hinter Fragen der Führung stehen Fragen der Philosophie

Frage 1: Wie motiviere ich Mitarbeitende, vor allem wenn die Ziele wenig attraktiv sind? 

Zum Thema Motivation hat die Führungslehre viel zu sagen. Schon Herzberg unterscheidet die berühmten Hygiene- von den Motivationsfaktoren. Die wichtigste Motivation kommt dabei aus dem Erfolg – und zwar genau dann, wenn man diesen Erfolg nicht (nur) auf andere, sondern (auch und gerade) auf sich selbst und seinen eigenen Beitrag zurückführen kann. Selbst die Ursache einer Handlungskette zu sein – genau so wird in der Philosophie die Freiheit definiert. Motivation ist also das Ergebnis davon, dass Führungskräfte ihren Mitarbeitenden die Freiheit gewähren, die sie brauchen, um sich selbst an den Anfang einer Handlungsfolge stellen zu können. Wer Freiheit dabei nur als Unabhängigkeit denkt, hat sich schon in eine intellektuelle Beschränkung gegeben, die wenig hilfreich ist, wenn man Menschen zu motivierten Mitarbeitenden führen möchte. Die Philosophie hilft, Freiheit weit zu denken und folglich als Führungskraft so auf die Motivation hin zu arbeiten, dass sie wirklich anspornt und motiviert – zur Freiheit eben.

Frage 2: Wie führe ich mich selbst so, dass jederzeit genügend Energie im Tank ist? 

Beim Thema Selbstmanagement gibt es unendlich viele Ratgeber und Ratschläge für ein gutes Energiemanagement. Die meisten von denen, die mit Führungsaufgaben betraut sind, haben ihr persönliches Rezept, wie sie sich energetisch gut durch die Belastungen hindurch manövrieren. Und doch steigt die Zahl der Burnout-Fälle in einzelnen Branchen kontinuierlich Jahr für Jahr an. Die Führungskräfte, die trotz aller Zunahme von Stress immer noch belastbar bleiben, nennt man in der Führungslehre die «Resilienten». Was zeichnet sie aus? Sie haben eine Antwort gefunden auf die Fragen nach Grund und Sinn ihrer Arbeit, nach Sinn und Zweck der Aufgabe, für die sie sich engagieren, und sie können die Frage beantworten: warum genau sie an genau dieser Stelle die Richtigen sind. Für die letztere Frage ist es sehr hilfreich, sich mit Wissen aus der Psychologie zu beschäftigen. Für die ersteren Fragen nach Sinn und Zweck von Arbeit und Aufgabe hingegen ist es sehr hilfreich, Wissen darüber zu erwerben, wohin «das Ganze» wohl führen wird. Wer beschäftigt sich mit diesen Fragen? Das tut die Philosophie, seit es sie gibt.

Frage 3: Welche Beziehungen pflege ich auch angesichts knapper Zeitressourcen? 

Zum Thema Beziehungen: Zentrale Fragen der Führung drehen sich darum, die richtigen Partner zu finden und zu behalten, Beziehungen vorausschauend aufzubauen und Partnerschaften auch dann zu pflegen, wenn sie nicht unmittelbar «genützt» werden können. Wie geht das? Zentral sind hier Prozesse der Kooperation sowie Haltungen und Handlungen des Vertrauens. Wie entsteht Vertrauen? Wie geht man mit gestörtem Vertrauen um? Welche Kontrolle verhindert, welche fördert Vertrauen? Lauter Fragen der Führung – und lauter Fragen der Philosophie des Vertrauens. Die Grundlage für die Antworten wird gelegt, wenn man anfängt den Mechanismus zu verstehen, der Vertrauen entstehen lässt. Wer könnte diesen Mechanismus besser analysieren als eine Führungskraft, die mit der logischen Präzision der Philosophie trainiert ist?

Drei Beispiele von vielen. Sie zeigen, dass weder die Führung noch die Philosophie abschliessende Rezepte liefern. Was man in der Führung konkret entscheidet und tut, wird von der Situation bestimmt, in der man handelt. Diese Situation zu hinterfragen, ist eine zentrale Kompetenz jeder Führungskraft. Die Art des Fragens lernt man wunderbar einfach aus der Philosophie. Denn Philosophie ist die Summe all der Fragen, die man beinahe selbst gefragt hätte.

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