Standpunkte #3 - das SEI Magazin

Integer - zwischen Rolle und Persönlichkeit

Was meinen wir, wenn wir von jemandem sagen, er oder sie sei «integer»? Man stelle sich diese Person konkret vor. Was zeichnet sie aus? Bei integren Menschen stimmt typischerweise das, was sie sagen, in hohem Masse mit dem überein, was sie tun. Das nennt man für gewöhnlich «authentisch». Allerdings genügt dies allein noch nicht für die Qualifizierung «integer», denn authentisch kann auch derjenige sein, der ständig und unvorhersehbar zwischen Authentizität und Nicht-Authentizität hin und her wechselt. Einmal tut er, was er sagt, und einmal sagt er nur, dass er etwas tut, und tut es dann doch nicht. Man könnte in diesem Fall von «Authentizität zweiter Stufe» sprechen. Sobald ein derart unkalkulierbares Verhalten typisch für jemanden ist, ist er eben auch authentisch, aber noch keineswegs integer.

Um als integer zu gelten, braucht es eine weitere Annahme: In der Regel bezeichnen wir nur eine solche Person als integer, bei der wir annehmen, dass sie auch dann noch an ihrem authentischen Verhalten festhält, wenn die Vorteile, die ihr aus einem nicht-authentischen Verhalten erwachsen würden, verlockend gross sind. Integre Personen geben – und eben das zeichnet sie aus – dieser Verlockung nicht nach. Die Beständigkeit in der Haltung zu dem, was sie früher einmal zugesagt haben, auch wenn eine neue Lagebeurteilung zum Schluss kommt, dass eine Preisgabe der früheren Zusagen vorteilhafter als deren Einlösung wäre, ist das, was wir Personen zuschreiben, wenn wir sie als «integer» bezeichnen. Integer heisst demnach, trotz Bedingungen sehr verlockenden Eigennutzens an der gewohnten Übereinstimmung von Wort und Tat festzuhalten.

Mit einer Testfrage können wir diese Definition prüfen. Sie lautet: Kann ein Mafioso integer sein? Aus der Innensicht der mafiösen Organisation heraus gesehen, lautet die Antwort: Ja, sicherlich.  Man darf bei einem Mafioso im Unterschied zu einem normalen Verbrecher davon ausgehen, dass etwa die Familienehre über allem steht und er sich an die Forderung nach Übereinstimmung seines Verhaltens mit dem Vorrang der Familienehre auch dann noch hält, wenn er sich aus einer Verletzung dieses Vorrangs einen grossen Vorteil verspricht. Ein Mafioso, genauer gesagt, ein guter Mafioso, tut das eben nicht. Aus der Aussensicht hingegen fällt die Antwort skeptischer aus: Ja, wahrscheinlich. Wer kann das schon so genau wissen, wenn man selber nicht zur Familie und dem erlauchten Kreis der Ehrenmänner gehört? Hier bleibt ein Rest Unsicherheit in der Beurteilung bestehen.

Wie funktioniert Integrität?

Integrität ist, wenn man die oben gegebene Definition weiterführt, eine Form von Selbstkontrolle. Um besser zu verstehen, was mit Integrität gemeint ist, kann man sich also fragen, wer hier wen kontrolliert. Der Integre reguliert sich selbst und sagt nein zu einem zu erwartenden Vorteil und ja zur Fortsetzung dessen, was bisher in Wort und Tat gegolten hat. Der Integre hat also eine Art «innere Instanz» in sich, der er folgt und folgen muss, um integer zu sein. Wenn man diesen Mechanismus der Selbstkontrolle genauer untersucht, besteht die Chance, herauszufinden, wo man ansetzen kann, um Integrität dort zu bilden, wo sie bislang nicht oder noch zu wenig ausgebildet wurde. Die spannende Frage lautet also: Was ist das für eine Instanz, an der sich Menschen orientieren, um die integre Form von Authentizität zu leben?

Zwei Antworten auf diese Frage werden im Folgenden vorgestellt. Sie unterscheiden sich in ihrem Ansatz diametral und sind gerade deshalb so interessant für die Freilegung des Mecano der Integrität.

Antwort 1:

Der Integre misst sich an den Erwartungen und Zuschreibungen, die die Personen und die Gesellschaft um ihn herum an ihn herangetragen haben, und zu denen er sich irgendwann einmal mehr oder weniger ausdrücklich bekannt hat. Der Integre misst sich demnach an der Rolle, zu der er sein Commitment gegeben hat. Um integer zu sein oder um noch integrer zu werden, braucht es deshalb die hohe Kunst des Rollenspiels. Wer darin sehr gut ist, hat auch gute Chancen auf Integrität, und zwar sowohl in seiner Selbstwahrnehmung als auch in der Einschätzung durch die anderen, die ihn in seiner Art, die Rolle zu spielen, beobachten können. Das ist das Rollenkonzept von Integrität. Ein wichtiger Denker, der Rollen und Rollenspiele ausführlich untersucht hat und dessen Analysen wir gut auf die Frage nach der Integrität weiterführen können, ist der amerikanische Soziologe Erving Goffman (1922-1982).

Antwort 2:

Der Integre misst sich an den Erwartungen und Zuschreibungen, die er möglichst frei von allen Fremdzuweisungen ausschliesslich aus sich selbst heraus, aus seinem eigenen Inneren, schöpft. Genau so entsteht innere Überzeugung. Erst sie kann Gewähr dafür geben, dass jemand auch dann noch an seinen Worten festhält, wenn lukrativste Vorteile winken, er aber (und sei es nur kurz und von niemandem bemerkbar) von früheren Worten und Taten abweichen müsste, um die Vorteile zu erreichen. Das ist das Persönlichkeitskonzept von Integrität. Wenn man diesen Mecano der Integrität besser verstehen will, kann man die Analysen des Philosophen Martin Heidegger (1889-1976) zu Rate ziehen.

Integrität als (1) souveränes Spiel mit den Rollen oder als (2) Ausdruck der Festigkeit des eigenen Selbst – das sind die alternativen Antworten auf die Frage, wie integres Verhalten am besten beschrieben werden kann.

In der aktuellen Ausgabe unseres Magazins, dem SEI Standpunkte #3, Gehen wir der Frage nach dem Wesen der Integrität ausführlich auf den Grund. Sichern Sie sich jetzt die gesammelten Ausgaben 2016 unter www.sei.net/standpunkte.

Dr. Martin Brasser studierte Philosophie und katholische Theologie und promovierte in München in Philosophie. Als Mitbegründer der internationalen Rosenzweig Gesellschaft fokussiert er seit vielen Jahren auf das Thema Management und Philosophie.