Standpunkte #4 - das SEI Magazin

Intuition - Entscheiden aus Gefühl oder aus Verstand?

Wer führt, trifft laufend Entscheidungen, am besten solche, zu denen sowohl der Kopf als auch der Bauch «ja» sagen können. Was hier mit «Kopf» gemeint ist, ist ziemlich klar: analytisches Denken, saubere Begrifflichkeit, logische Folgerichtigkeit, strukturierte Darstellung und dergleichen. Was mit «Bauch» gemeint ist, ist allerdings auch im Kopf, genauer gesagt, in der rechten Hirnhälfte. Es ist die Intuition, das ganzheitliche, überblickshafte, die grösseren Zusammenhänge erkennende, schöpferische und plötzliche Erfassen und Beurteilen einer Situation. Beides üben und lernen gute Entscheider und einige führen es sogar zur Meisterschaft.

Wie man sich darin gezielt weiterentwickelt, ist schon beim Kopf-Denken schwierig genug. Erst recht gilt dies im Fall des Bauches. Die einen schlagen vor, die eigene Intuition über den Weg der Selbstwahrnehmung, des Körperausdrucks und der Sensibilisierung für die vorrationalen Signale des Körpers zu trainieren. Die anderen schwören auf Erfahrung und nochmal Erfahrung als goldenen Weg zur Schärfung intuitiven Erkennens. Wer hat recht? Welche Methode ist besser geeignet? Die Antwort hängt davon ab, was wir unter Intuition genauer verstehen. Dafür gibt es zwei Modelle:

Modell 1: Intuition ist im Kern und in der Sache ein Gefühl. Sie ist also etwas Vor- und Ausserrationales. Ihr Ursprung liegt jenseits dessen, was wir uns bewusst vorstellen und absichtlich vornehmen können. Entsprechend setzt eine Stärkung der intuitiven Fähigkeiten darauf, diejenigen Methoden und Instrumente zu verbessern, die wir einsetzen, wenn wir auf rational nicht ableitbares Wissen zugreifen. Intuition ist so verstanden eine besonders clevere Art, wie wir ein vorrationales Wissen jenseits der Verstandeslogiken verfügbar und in konkreten Handlungssituationen abrufbar machen können.

Modell 2: Intuition ist eine Form des Wissens, die letztlich ganz rational abläuft. Sie funktioniert deshalb so gut und zugleich so unerklärlich, weil sich Erfahrungen als derart selbstverständlich in uns festgesetzt haben, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken müssen, wie sie eigentlich funktionieren. «Es» funktioniert einfach. Typischerweise haben wir genau dann den besten Zugang zur Intuition, wenn wir konzentriert und entspannt zugleich sind, denn Intuition ist quasi eine besonders effiziente Art, wie unser Verstand von selbst vernünftig agiert.

Ist Intuition, wie Modell 1 vorschlägt, ein Zugriff auf das zur Vernunft drängende Unbewusste, dann führt der Weg ihrer Entfaltung über gezieltes Wahrnehmen und verstärktes Nachdenken am Rand des Bewussten. Ist Intuition aber eher, wie Modell 2 darlegt, das Auftauchen eines ins Vorbewusste abgeglittenen Verstandeswissens, dann funktioniert sie genau dann am besten, wenn man nicht zu viel nachdenkt, sondern einfach nur konzentriert handelt bzw. die Intuition agieren lässt.

Wie also soll man Intuition verstehen? Und wie funktioniert sie (am besten)? Ein Blick in die Philosophie kann bei der Beantwortung dieser Fragen weiterhelfen. Schliesslich ist die Intuition schon lange ein Thema in der Philosophie – von ihren ersten Anfängen bei Platon und Aristoteles bis in die Gegenwart hinein. Immer gilt Intuition als wichtigstes Instrument unseres Geistes, um zu Wahrheit und tragfähiger Erkenntnis zu gelangen.

Ganz auf dieser Linie erhebt zu Beginn des 20. Jahrhunderts beispielsweise und exemplarisch der Begründer der Schule der Phänomenologie, Edmund Husserl (1859 – 1938), die Intuition zum einzig legitimen Ausgangspunkt des Philosophierens auf der Suche nach Wahrheit. Intuition ist der Kern des «Prinzips aller Prinzipien», das Husserl wie folgt formuliert:

„Am Prinzip aller Prinzipen: daß jede originär gebende Anschauung eine Rechtsquelle der Erkenntnis sei, daß alles, was sich uns in der 'Intuition' originär, (sozusagen in seiner leibhaften Wirklichkeit) darbietet, einfach hinzunehmen sei, als was es sich gibt, … kann uns keine erdenkliche Theorie irre machen.“ Edmund Husserl, Ideen (1913) § 24

Husserl stellt sich mit seiner Forderung bewusst in die Tradition einer Philosophie, die empirisch vorgehen möchte und nur Erfahrung gelten lässt. Deren Gründerväter sind die beiden wichtigsten Philosophen in Grossbritannien zu Beginn der Neuzeit, und zwar der Engländer John Locke (1632-1704) und der Schotte David Hume (1711-1776). Dabei steht John Locke für ein Verständnis von Intuition nach Modell 1, während David Hume Modell 2 vertritt.

Beide Positionen sind in ihrem Ansatz gar nicht so weit voneinander entfernt. Sowohl Locke als auch Hume gehen als Empiristen davon aus, dass Erkenntnis nur dann verlässlich und zielführend ist, wenn sie als sinnliche Erkenntnis beginnt. Eben dies fordern beide Philosophen auch von der Intuition. Sie ist nur dann ein verlässliches Organ des Erkennens, wenn sie als sinnliche Erkenntnis auf konkrete Handlung bezogen bleibt. Intuition ist also keine Form von (übersinnlicher) Inspiration, sondern eine spezifische, von den logischen Mitteln des Verstandes unterschiedene Art und Weise, sinnliche Erkenntnis zu verarbeiten. In der Antwort auf die Frage, wie diese Verarbeitung genau aussieht, unterscheiden sich Locke und Hume gemäss Modell 1 und Modell 2 aber fundamental. 

In der aktuellen Ausgabe unseres Magazins, dem SEI Standpunkte #4, Gehen wir der Frage nach dem Wesen der Intuition ausführlich auf den Grund. Sichern Sie sich jetzt die aktuelle Ausgabe unter standpunkte@sei.net

 

Dr. Martin Brasser studierte Philosophie und katholische Theologie und promovierte in München in Philosophie. Als Mitbegründer der internationalen Rosenzweig Gesellschaft fokussiert er seit vielen Jahren auf das Thema Management und Philosophie.