Macht - am liebsten grenzenlos? | SEI - Swiss Engineering Institute
Header_Macht
December 03, 2018
Von SEI Redaktion

Standpunkte

Macht - am liebsten grenzenlos?

Man stelle sich vor: Zinédine Zidane wechselt kurz vor dem Abpfiff Cristiano Ronaldo aus. Ein Raunen geht durch die Fans, die den Daumen nach unten halten. Pfiffe gellen durch das Stadion. Die Stimmung ist aufgeheizt, weil die Fans die Entscheidung nicht verstehen können. Trotzdem bleibt der Trainer dabei. Cristiano Ronaldo verlässt den Platz und wird durch einen neuen Spieler ersetzt. Der Trainer hat die Macht dazu. Daraufhin will ein Fan aus der vordersten Reihe das Stadion verlassen. Ihm reicht es. Die drohende Niederlage muss er sich nicht bis zum Ende antun. Aber durch die Mauer aus aufgebrachten Zuschauern ist kein Durchkommen. Gegen diese Wucht kann er nichts anrichten – er ist machtlos und die Masse hat jetzt das letzte Wort. Was ist beiden Situationen gemeinsam? Beide Male steht jemand vor einer Handlungsalternative: Cristiano Ronaldo rausnehmen oder drin lassen – das Spiel verlassen oder bis zum Schluss bleiben. Wer die Macht hat, kann über diese Alternative verfügen. Ein Mal ist es der Trainer, das andere Mal die Masse. Macht haben heisst also: die Verfügung darüber haben, welche von zwei Alternativen faktisch realisiert wird. Macht gibt es dort, wo Alternativen der Handlung zur Wahl stehen und einer da ist, der diese Alternative entscheidet.

Handlungsauswahl und Entscheidungshoheit sind die beiden Elemente, aus denen Macht gebaut ist

Die Alternative in seinem Sinn entscheiden, heisst Macht haben. Sie wird umso spürbarer, je grösser der Widerstand ist, der gegen die Entscheidung mobilisiert wird. Der wird im Fall Zinédine Zidanes vielleicht als Lust, vielleicht auch als Mühe erlebt. Aus Sicht des enttäuschten Fans wird Macht hier von ihrer Rückseite der Ohnmacht erlebbar.

Als widerstandsprovozierend hatte schon Max Weber Macht definiert: „Macht ist die Chance, seinen Willen gegen den Widerstand anderer durchzusetzen.“ Und war mit seiner Definition klassisch geworden. Dabei muss Macht nicht zwingend Widerstand provozieren.

Es lässt sich durchaus der Zustand der Zustimmung denken, bei dem das Einverständnis in die Entscheidung über die Alternative die Oberhand behält. Darauf kann Zinédine Zidane hoffen. Und wenn der Verlauf der restlichen Spielminuten ihm Recht gibt, wird sich das Stimmungsblatt der Fans womöglich in diese Richtung kehren.

Zur Einsicht, dass sein Vorhaben aussichtslos ist angesichts der tobenden Masse, mag der spielmüde Fan in der ersten Reihe rasch kommen. Wenn er dann auch noch Verständnis für die Masse aufbringt, dann geht die Einsicht über in Akzeptanz.

Max Weber hat genau nur dann recht, wenn Macht diese Zustimmung nicht erzeugen kann – und das ist genau dann der Fall, wenn Macht bei dem, über den verfügt wird, nicht selber wieder als Chance, sondern als Beschränkung verstanden wird. Die Beschränkung bezieht sich darauf, dass man ab dem Moment der Entscheidung des Mächtigen nicht mehr in der Lage ist, die Alternative zu entscheiden, und diese Verhinderung der Chance selbst nicht akzeptiert.

Nicht Widerstand ist typisch für den „Mecano“ der Macht

Was dem Widerstand funktional zugrunde liegt und ihn provoziert: dass die Alternative, über die der Mächtige entscheidet, die Handlungsspielräume der anderen einschränkt. Cristiano Ronaldo muss das Feld verlassen, der verärgerte Fan muss am Platz ausharren.

Macht funktioniert sozusagen als Ausdehnung der eigenen Entscheidungsfreiheit über die Grenzen zum anderen hinaus bis in dessen Handlungsfreiheit hinein. Die Erweiterung der Macht des Mächtigen vollzieht sich auf Kosten der Freiheit anderen – oder sie funktioniert nicht.

Lässt man die Freiheit der anderen bestehen, schwindet die eigene Macht. Macht kann dann auf einer höheren Stufe ihrer Spiralumdrehung wieder zurückkommen.

Aber das tut sie nur so, dass der, der die Macht hat, seine Freiheit so in Anspruch nimmt, dass andere in ihrer Freiheit beschränkt werden.

Das muss man erst mal wollen können. Wer Spass an der Macht hat, will genau dies.

Umso mehr hassen sie es, selbst in die Rolle dessen gebracht zu werden, über die verfügt wird. Ohnmacht gegenüber Instanzen und Kräften, die mächtiger sind als sie selbst, provoziert wieder die grundlegende Entscheidungsalternative, vor der die Macht sie bringt: Akzeptanz oder Auflehnung, Zustimmung oder Widerstand.

Man kann auch sagen: Macht, die nicht dauerhaft ambivalent ist, ist keine Macht. Das gilt sowohl für die, die sie haben, als auch für die, über die sie ausgeübt wird.

Die Folge der Ambivalenz

Macht verlangt von dem, der sie ausübt, eine Positionierung gegenüber der genannten Ambivalenz.

Man nimmt sich, wenn man Macht ausübt, die Freiheit heraus, die man durch genau diesen Akt anderen entzieht.

Das ist rechtfertigungsbedürftig. Den Bedarf dazu sehen die Ohnmächtigen in der Regel etwas schneller ein als die, die Macht erfolgreich ausüben.

Letztere nenne ich die „Vermehrer von Macht“, sofern sie ihren Spass an der Ausübung damit untermauern, dass sie Sinn und Nutzen der Freiheitsbeschränkung einer Vermehrungslogik unterstellen.

Diese Logik lautet: je mehr Macht jemand auf sich konzentriert, desto geringer sind die Kollateralschäden, die durch den Freiheitsentzug entstehen.

Otto von Bismarck hat dies einmal für die Staatspolitik des damaligen monarchisch organisierten Deutschen Reiches so formuliert: „Je stärker wir sind, desto unwahrscheinlicher ist der Krieg.“ Das heisst anders formuliert:

je mehr Macht sich an einem Punkt im System konzentriert, desto höher ist die Chance, fundamentalen Risiken ausgesetzt zu sein.

Das fundamentalste Risiko aber ist die Bindung der Kräfte auf die blosse Selbsterhaltung.

Genau diese Logik stellen die „Verminderer der Macht“ in Frage. Abraham Lincoln, ein vehementer Verfechter demokratischer Staatsstrukturen, soll über die Macht einmal gesagt haben: „Kein Mensch ist gut genug, einen anderen ohne dessen Zustimmung zu regieren.“

Der Schaden besteht, so gesehen, genau darin, dass Energie darauf verwendet und dafür gebunden wird, das Freiheitsbedürfnis der anderen einzuschränken und auf möglichst lange Dauer klein zu halten.

Wenn Freiheit aber die Grundlage für Kooperation, Erfolg und Gemeinschaft ist, dann gilt es Macht nur dort auszuüben, wo keine anderen Mittel mehr zur Verfügung stehen – im allerletzten Notfall also.

Wie Sie Ihre persönliche Haltung zu Macht überprüfen können, erfahren Sie in unserem Magazin Standpunkte.

More insights

Collaboration

Wie arbeiten erfolgreiche Teams in einer VUCA-Welt? Das Akronym steht für Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity. Das bedeutet, der Glaube an Chefs mit universellem Durchblick hat sich erledigt, ebenso die einfache Extrapolation aus der Vergangenheit. Trotzdem können interdisziplinäre Teams grosse Schlagkraft entwickeln, wenn sie in ihrer Teamarbeitdie Herausforderungen der VUCA-Welt annehmen.

What Generation Y and Z expect from their employers
Strategy

Status? Hierarchie? Autorität? Die Generationen Y und Z stellen in Frage, was früher selbstverständlich war. So weht eine frische Brise in der Arbeitswelt. Diesführt dazu, dass Unternehmen erneut eruieren müssen, welche Faktoren attraktive Arbeitgeber im 21. Jahrhundert auszeichnen.