US-Präsident Donald Trump steht in einer langen Tradition, wie Herrscher mit schlechten Nachrichten umgehen

Warum der Bote sterben muss …

Die Kastilianer nannten ihn Boabdil, sein arabischer Name war: Abu`Abdallah Muhammad XII. (1460-1533). Er herrschte im spanischen Granada - und reicht uns ein Lampe aus der Vergangenheit, um die psychischen Schmutzecken eines anderen Herrschers auszuleuchten. Das Licht fällt auf US-Präsident Donald Trump. Genau genommen ist es Sigmund Freud, der am Beispiel Boabdils ein Verhalten erhellt, das in der Geschichte vielfach auftaucht.

Auch in der beginnenden Neuzeit: Die spanischen Araber kannten ein Klagelied, das berichtet, wie König Boabdil auf eine schlechte Nachricht reagiert („Ay de mi Alhama“). Denn: Seine Stadt Alhama war vom Feind erobert worden. Freud erläutert Boabdils Reaktion: „Er ahnt, daß dieser Verlust das Ende seiner Herrschaft bedeutet. Aber er will es nicht ‚wahr haben‘, er beschließt, die Nachricht als ‚non arrivé‘ zu behandeln.“ Leicht sei zu erraten, so Freud weiter, dass der König dem „Gefühl seiner Ohnmacht“ entgegenwirken wollte. „Indem er die Briefe verbrennt und den Boten töten läßt, sucht er noch seine Machtvollkommenheit zu demonstrieren“, so der große Psychoanalytiker (Brief an Romain Rolland, 1936).

Ein Zeitsprung: 2017 ermittelt das FBI, ob Russland Einfluss auf den Präsidentschaftswahlkampf genommen hat, etwa durch Hacker-Angriffe auf E-Mail-Accounts der Demokraten. Viele offene Fragen: Gab es eine heimliche Kooperation mit dem Trump-Lager? Wird der neue Präsident erpressbar? An der Spitze der Ermittlungen steht FBI-Chef James Comey. Er nimmt auch klar Stellung zu Trumps Vorwurf, Barack Obama haben ihn abgehört. Der FBI-Chef sagt vor einem Senatsausschuss, er habe keine Belege für diesen Verdacht gefunden. Plötzlich steht Trump - wieder einmal - als Lügner da …

Zeit für eine Gegenmaßnahme: Im Mai 2017 feuert der amerikanische Präsident Comey. Trump teilt ihm mit, nicht in der Lage zu sein, „das FBI zu führen.“ Freud würde vermuten: Der Präsident versucht, „seine Machtvollkommenheit zu demonstrieren“, obwohl der Boden unter ihm ins Schwanken kommt. Dazu Christian Füller im „Freitag“: „Trump versucht, die Gewaltenteilung außer Kraft zu setzen. Er nimmt einen der wichtigsten Kontrolleure der Regierung aus dem Spiel.“ Der Journalist stellt fest, dass die Pfeiler der Kontrolle zu wanken beginnen: „Die Glaubwürdigkeit der Presse ist massiv beschädigt; der Kongress ist auf die Schwäche der Republikaner angewiesen, um den Präsidenten zu kontrollieren; und die schärfste Waffe der Justiz, das FBI, liegt nun in der Disposition Trumps.“ Der Umbau der USA sei wieder ein Stück fortgeschritten.

Ob Trump bald Scheiterhaufen errichtet, um stapelweise missliebige Zeitungen zu verbrennen? Virtuell gelingt ihm das bereits in seinen Tweets, indem er jede Form von Kritik als „Fake News“ denunziert. Und Kritiker gleich mit, so sagt er über Comey in einem Interview: "Er ist ein Blender, ein Angeber, das FBI war unter ihm in Aufruhr. Jeder weiß das.“ Wobei er mit der Phrase „Jeder weiß das“ den Anspruch erhebt, die an sie gekoppelte Aussage habe einen generellen Charakter. Und das, obwohl Trump diese Behauptung in den öffentlichen Raum schleudert, ohne Beweise zu liefern.

Doch damit nicht genug. Laut „New York Times“ äußerte der US-Präsident weitere Beleidigungen: „Ich feuerte den FBI-Chef. Er war verrückt, ein echter Spinner („I just fired the head of the F.B.I. He was crazy, a real nut job“). Das waren Trumps Worte, ausgerechnet gegenüber russischen Diplomaten.

So schafft er es jeden Tag, für sich und seine Anhänger eine eigene Wirklichkeit zu erzeugen - genau wie es sich Königin Cleopatra wünscht, wenn wir Shakespeare Worten folgen: Ein Bote bringt die Nachricht, ihr Geliebter Marcus Antonius habe sich mit Octavia vermählt. Ein Schock für die ägyptische Königin, den sie „ungeschehen“ machen will - ähnlich wie Boabdil, der sich illusorisch an die Herrschaft in Kastilien klammert.

Zuerst sagt der Bote zu Cleopatra: „Gnädge Fürstin / Ich meldete die Heirat, schloß sie nicht!“. Darauf Cleopatra: „Sag, 's ist nicht so: ich schenke dir ein Land / Daß du im Glücke schwelgest / (…) / Und ich gewähre jede Gunst dir noch / Die Demut wünschen mag.“ (Heraushebung durch Autor) Der Bote beharrt aber auf der Wahrheit: „Er ist vermählt.“ Und Cleopatra? Sie zieht einen Dolch - und der Bote flieht mit den Worten: „Dann lauf ich / Was wollt Ihr, Fürstin / 's ist nicht mein Vergehn!“

Zuvor hatte Cleopatra den Boten brutal unter Druck gesetzt: „Was sagst du? Fort, Elender Wicht! / Sonst stoß ich deine Augen / Wie Bälle vor mir her; raufe dein Haar / Lasse mit Draht dich geißeln, brühn mit Salz / In Lauge scharf gesättigt.“

Lauge, Salz und herausgerissene Augen - so primitiv geht es wohl im Weißen Haus nicht zu … Doch auch Trump soll versucht haben, Ermittlungen gegen seinen ehemaligen Sicherheitsberater Michael Flynn zu stoppen - in einem Gespräch mit Comey, als dieser noch im Amt war: "Ich hoffe, Sie können das fallen lassen", hat der US-Präsident laut „New York Times“ gesagt. Flynn sei "ein guter Kerl“.

Was lässt sich aus diesen Geschichten lernen? Eine Antwort könnte in der angelsächsischen Redensart liegen: „Don't shoot the messenger“ („Erschieße nicht den Boten!“). Wer im Job mit Kritik konfrontiert wird, sollte den Colt erst einmal stecken lassen. Angriff als beste Verteidigung? Nein, das bringt nichts, genauso wenig wie defensive Rechtfertigungen.

Gerade Führungskräfte sollten souverän handeln. Der Coach Dr. Thomas Rose rät: „Vergiss Dich selbst!“ („Umgang mit Kritik - Was tun, wenn die eigene Person unter Beschuss gerät?“). Er kritisiert: „Viele Menschen machen sich den ganzen Tag Gedanken darüber, was die anderen wohl über sie denken.“ Oft sind „die anderen“ aber viel mehr mit sich selbst beschäftigt. „Viele von uns wären beleidigt, wenn wir wüssten, wie wenig andere überhaupt an und über uns gedacht haben“, so der Coach. Wer stabil im Leben steht, verliert bei einer Rempelei nicht sofort das Gleichgewicht. Ein gesundes Selbstbewusstsein fragt nicht jeden Moment danach, wie die eigene Persönlichkeit auf andere Menschen wirkt: „Vergessen Sie sich selbst, denn damit schaffen Sie Raum für andere“, so Dr. Rose.

Souveräne Führungskräfte kennen die eigenen Schwächen und Fehler,

„aber sie unterwerfen sich nicht dem, was über sie gesagt wird.“ Dr. Rose hält Humor für eine wichtige Führungsqualität: „Sichere Menschen können über ihre Missgeschicke lachen ohne sich dafür tagelang zu tadeln.“

Ob Donald Trump noch einmal lernt, über sich selbst zu lachen - und den Colt einfach stecken lässt?

Ingo Leipner studierte Volkswirtschaftslehre an der Ruprecht-Karls-Universität
Heidelberg und bedient mit seiner Agentur EcoWords namhafte Medien und
Unternehmen mit journalistischen Beiträgen. Als Autor unterstreicht er seinen
persönlichen Bezug zu Bildung und der digitalen Veränderungen unserer Gesellschaft.